Easy Learning: Virtual Reality in der Mitarbeiterausbildung am Beispiel Fraport AG

Ein Beitrag von Peter Rüffer (MatrixPartner) und Dennis Stein (Fraport AG)

Unter dem Begriff „Virtueller Realität“ (VR) kann man sich leicht etwas vorstellen: Mit einer speziellen Brille wird der Nutzer von der physischen Realität abgeschirmt und in eine virtuelle Welt versetzt. Jeder, der das mal ausprobieren konnte, ist von der Realitätsnähe und Abbildungsqualität begeistert. Die Marktforscher von IDC schätzen den weltweiten Umsatz 2018 mit VR-Brillen auf 8,1 Milliarden Dollar - schon 2020 sollen diese Zahlen bei 39,2 Milliarden Dollar liegen. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die neuen virtuellen Technologien nicht mehr besonders ausgestattete Räume und spezielle Infrastruktur benötigen, sondern jetzt auch als Stand-Alone-Lösung für den Consumer-Markt und damit auch für verschiedenste Unternehmens- und Funktionsbereiche verfügbar sind.

 

Vielfältige Anwendungsfelder

Einsatzmöglichkeiten für Virtual Reality gibt es schon vielfach - hier einige Beispiele:

  • In der fertigenden Industrie können Montageschritte virtuell für die Mitarbeiter viel „erlebbarer“ gemacht werden - so lassen sich durch intensiveres Training Fehler vermeiden und die Effizienz erhöhen.
  • In der Architektur können Bauherren bereits vor dem ersten Spatenstich durch die zukünftigen Gebäude laufen oder parallel mit der Realität über Augmented Reality (AR) und 3D-Modellen interagieren.
  • In der Neuprodukteinführung stehen oft nicht ausreichend Prototypen für die internen Schulungen bzw. für die externen Produktpräsentationen zur Verfügung – diese „knappen Ressourcen“ können mit Hilfe von Virtual Reality beliebig vervielfältigt werden.
  • Auch Versicherungen experimentieren mit Virtual und Augmented Reality: So können Kunden oder Gutachter etwa Schäden mit dem Smartphone oder einer 360°-Kamera aufnehmen und der Sachbearbeiter kann diese auch aus der Ferne über ein VR-Headset begutachten.

 

Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Die Einsatzgebiete reichen von der Logistik und der fertigenden Industrie bis hin zu Dienstleistungen und Versicherungen. Einsatzszenarien von Virtual und Augmented Reality sind nahezu grenzenlos – nichtsdestotrotz ist das Gaming heute sicherlich noch einer der größten Content-Bereiche.

 

Easy Learning als konkreter Problemlöser

Im Rahmen einer Innovations- und Digitalisierungsinitiative ist die Fraport AG aktuell dabei, ihre Trainingsmethoden und -medien komplett neu aufzusetzen, um mit neuen Technologien das Ziel eines „Easy Learnings“ zu verfolgen: Einfacheres und intuitiveres Lernen mit einem hohen „Erlebensfaktor“, das neues Wissen vor allem für Mitarbeiter aus anderen Sprach- und Kulturkreisen deutlich effizienter und nachhaltiger erlernbar macht.

Zu dem Projekt, das nicht nur gemeinsam mit der größten Europäischen Airline, der Lufthansa Group, durchgeführt wird, gehören auch andere große Flughäfen aus der DACH-Region. Die Berater von MatrixPartner betreuen diese innovative Zusammenarbeit. Wir haben die Gelegenheit gehabt, zu diesem Thema mit Herrn Dennis Stein zu sprechen. Er ist als Vice President Logistic and Information Management BVD verantwortlich für Innovation und Digitalisierung im Ground Service der Fraport AG. Dies ist der Funktionsbereich am Flughafen Frankfurt, der für die komplette Abfertigung von Flugzeugen inkl. Be-/Entladen, Gepäcklogistik/-sortierung/-kontrolle und Flugzeugversorgung/-bewegung etc. zuständig ist.

 

Interview mit Dennis Stein, Fraport

M-Perspektiven (MP): Herr Stein, Sie sind gerade dabei, die Trainingslandschaft beim Ground Service am Flughafen Frankfurt grundlegend umzukrempeln – was hat Sie dazu bewogen, bei Ihrer Mitarbeiterausbildung ganz neue Wege einzuschlagen?

Dennis Stein (DS): Wir sind heute zunehmend in einem Spannungsfeld zwischen verfügbaren Kapazitäten und wachsenden Bedarfen an Mitarbeitern. Insgesamt müssen wir aufgrund der Fluktuation jährlich über 1.000 neue Mitarbeiter anlernen. Dabei stellen aber immer öfter niedrige Qualifikationsniveaus und Sprachbarrieren, aber auch der demographische Wandel eine große Herausforderung dar.

Zusätzlich dazu wird Organisationstalent als Skill und Erfolgsfaktor im Trubel der Abfertigung aber immer wichtiger - Mitarbeiter sollen schnell, flexibel und bedarfsorientiert ohne Qualitätsverlust einsetzbar sein. Wir sind überzeugt davon, dass unsere Ansätze des „Easy Learning“ als innovative Lehrmethode helfen, diese Barrieren zu überwinden. Die Wissenschaft rückt erlebbare Lerninhalte mehr und mehr ins Rampenlicht - vor allem weil der Erinnerungs- und Abrufeffekt bei „Erlebtem“ mit 90% viel höher ist als bei allen anderen schillernden Lehrmethoden wie „Hören und Sehen“.

MP: Sitzen also die Trainingsteilnehmer zukünftig alle nur noch mit VR-Brillen im Trainingsraum und keiner redet mehr miteinander?

DS (lacht): Nein, so ist das natürlich nicht gedacht ... Die Ausbildungskonzepte müssen zunächst geschärft werden, um sich nicht nur auf veränderte Kundenanforderungen einzustellen, sondern die Überarbeitung in Richtung Digitalisierung muss auch Hand in Hand mit den Mitarbeiter-Skills wie „Organisations- und Improvisationstalent“ einhergehen. Daher wird das gesamte Trainingskonzept für die Ground Services aktuell neu überdacht: Es kommt darauf an, die optimale Lernmethode – vom klassischen Classroom-Training über VR bis zur Praxisprüfung – für das richtige Thema und das dazugehörige Lernziel auszuwählen.

Wo es beispielsweise schwierig ist, mit den Trainingsteilnehmern direkt an und in die Flugzeuge zu gehen bzw. mit dem Equipment zu arbeiten, hilft die VR-Technologie ungemein. Gerade am Anfang bzw. bei neuen Themen und Prozessen unterstützt VR auch wirksam, Barrieren zu überwinden und viel schneller Lerneffekte zu erreichen. Da kann es z.B. hilfreich sein, VR auch im Rahmen eines klassischen Classroom-Trainings einzusetzen, um Neues gemeinsam mit anderen „hautnah“ erleben zu können ...

MP: Bei welchen Themenfeldern der Fraport setzen Sie verstärkt auf die Ansätze des Easy Learning? Wie müssen wir uns das vorstellen?

DS: Folgende Ansätze prüfen wir derzeit:

  • Virtual und Mixed Reality - Vermischung von Realität und virtuellen Objekten
  • Interaktive Erklärungshilfen und Mehrsprachlichkeit
  • Gamifikation, also die Nutzung des natürlichen Spieltriebs der Menschen

 

Diese Impulse stellen in der Art und Weise ihrer Einsatzmöglichkeiten quasi neue, unentdeckte Länder dar … mit noch ungeahnten Möglichkeiten, um über die Hürden von hohen Trainingsanforderungen und -aufkommen, Sprachbarrieren und geringen Qualifikationsniveaus zu springen. Neben der notwendigen Digitalisierung von Lerninhalten müssen daher auch die didaktischen Methoden komplett neu entwickelt und in das bisherige Ausbildungssystem integriert werden.

So ist VR gerade bei der Flugzeugabfertigung – ein Bereich, bei dem es immer um Schnelligkeit geht – einfach heute unschlagbar. Die Trainingsblöcke sind unglaublich realistisch, können vor allem – eben ohne ein echtes Flugzeug – beliebig oft wiederholt oder in verschiedenen Szenarien bzw. Übungen durchgeführt werden.

MP: Wie ist die Akzeptanz der Mitarbeiter auf diese neuen digitalen Technologien?

DS: Wie eben schon erwähnt zeigt ein Blick auf die Pyramide mit den einschlägigen Lernmethoden, dass aktive „Diskussionen“, „praktisches Tun“ und „Wissen immer wieder abrufen“ starke Elemente sind, um neue Inhalte und Abläufe schnell zu verinnerlichen. Doch welcher Aufwand entsteht Tag um Tag, Stunde um Stunde, Abfertigung um Abfertigung für unsere Verfahrenstrainer, dies mit unseren operativen Teams durchzuführen?

Wir waren daher von Beginn der Initiative an überrascht, mit welchem Interesse und Begeisterung die Teilnehmer diese neuen Lernmethoden aufgenommen haben! Die so realitätsnahe Wissensvermittlung lässt sich sonst nicht einmal vor Ort selber umsetzen, da ja z.B. Flugzeugbe- und -entladung nicht beliebig „zurückgespult“ werden kann.

MP: Welche Empfehlungen würden Sie anderen Unternehmen bei dem Thema VR geben?

DS: Für den Wandel von den klassischen Lernmethoden hin zu mehr Digitalisierung braucht es Forschungsdrang, Mut, Vertrauen, eine stetige Management Awearness und – zugegebenermaßen – einen „langen Atem“: Man muss sich konsequent von den klassischen, eingefahrenen Wegen lösen und sich dem Einsatz der neuen Technologien öffnen. Wichtig dabei ist, Virtual Reality nicht nur als „Gimmick“ oder im Sinne einer reinen „Gamification“ der Trainings einzusetzen, sondern es als vollwertige neue Lernmethode zu begreifen.

Nutzen Sie dazu aktiven Input und Erfahrungen von außen – auch aus anderen Branchen – vor allem um nicht die typischen Anfängerfehler bei der Einführung von VR zu wiederholen. Ziel muss es sein, im Unternehmen ein ganzheitliches Trainingskonzept zu etablieren, das mit innovativen und digitalen Lehrmethoden auf eine neue Generation von Mitarbeitern eingeht und deren Potenziale bestmöglich ausschöpft.

MP: Vielen Dank für das Gespräch.

 

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